Ausflug in die Freiheit

Eine Geschichte von Anja Ratzinger (Betty) - Beitrag zum FELIX E-Book


Die Schneehügel im Garten werden kleiner, die Sonne spitzelt immer öfter durch die Wolkendecke. Das ist Frühling.
Die ersten Blumen recken ihre Köpfe in die Höhe und das Gras nimmt allmählich wieder Farbe an. Auch das ist Frühling.
Die Terrasse im Garten wird fleißig geschrubbt und geputzt, wenig später werden darauf die ersten Blumentöpfe platziert. Eine große, halbnackte, aber dennoch nicht lebendige Frau namens „Helena“ stellt sich dazu und ein großes Fass mit Wasser wird aufgebaut. Ja, auch das ist Frühling.

Alles und jeder erwacht aus seinem Winterschlaf und erblüht förmlich wieder zu neuem Leben. So zum einen die Blumen, zum anderen (mehr oder weniger jedenfalls) die starre Helena und zu guter Letzt auch alles was sonst so in meinem Garten kreucht und fleucht – und was plattgesessen, belauert und gejagt werden muss.
Ganz gleich, ob ein Schneeglöckchenbeet, eine langweilige Skulptur mit dem gewissen Etwas oder die nächstbeste Fliege: irgendwann muss jeder einmal daran glauben und wird in einem blitzschnellen Spurt durch den Garten, bei einer ausgelassenen durch-den-Garten-Toberei oder während der wilden Jagd zerstört, beschädigt oder ab und an gar aufgefuttert. Meist ausversehen, letzteres vielmehr mutwillig.

Ganz klar, dass selbstverständlich auch das große Wasserfass auf der Terrasse meine Beachtung findet, wie im vergangenen Frühjahr beispielsweise …

„Ich habe gestern das Fass vom Keller nach oben auf die Terrasse geholt. Wir müssen also ein bisschen auf Mimi aufpassen, da die Oberfläche noch nicht groß bewachsen ist.“
Hm?
Was höre ich da?
Die Zweibeiner wollen mich von irgendetwas abhalten?

Dann nichts wie raus, das muss ich mir ansehen. Gesagt, getan, wenig später sind die Dosenöffner bereits davon überzeugt (oder vielmehr total genervt von meiner aufregenden Hin- und Her-Rennerei in Kombination mit lautstarkem Singsang), dass ich total dringend raus muss...
Neugierig spaziere ich hinaus und lande unmittelbar vor besagtem Holzfass.
Na sowas? Warum steht das denn hier mitten auf der Terrasse? Etwa wie Helena lediglich zu dekorativen Zwecken?
Ich wäre nicht bekannt als Mimi, das abenteuerlustige Fellmonster, wenn ich das seltsame Teil nicht sofort genauer begutachtet hätte. Nach einer ersten Untersuchung bin ich nach wie vor ratlos, wieso dieses Ungetüm meinen Garten ziert – beziehungsweise beschlagnahmt. Meine Neugierde lässt jedoch nicht locker und zwingt mich schließlich dazu, das Fass aus einer anderen Perspektive unter die Lupe zu nehmen.
Also hopp, rauf mit der Katz.
Fast augenblicklich wäre ich liebend gerne wieder geradewegs zurückgekehrt, um nicht auf höchst unelegante Weise schwungvoll mitten im Wasser zu landen.
Oh Schreck – ein Fass voll mit Wasser. Es gelingt mir allerdings gerade noch, zumindest halbwegs grazil auf dem glücklicherweise recht breiten Rand Halt zu finden.

Wollten die Zweibeiner deshalb auf mich aufpassen, damit ich mich in meiner unbändigen Neugierde nicht augenblicklich ins Wasser stürze?
Die Frage auf meine Antwort erhalte ich jedoch sogleich. Ein oranger Fleck unter Wasser zieht meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Nanu, was haben wir denn da?

Meine Angst, direkt ins Wasser zu fallen, hat sich dank dem Rand, der regelrecht als Aussichtsplattform einlädt, mittlerweile verflüchtigt und so kann ich nicht länger an mich halten: wagemutig strecke ich mein Pfötchen hinein in das kühle Nass. Mein Gegenüber scheint genauso abenteuerlustig wie ich zu sein, denn wenige Augenblicke später schwimmt er schnurstracks auf meine Pfote zu, nippt einmal kurz daran, um gleich darauf wieder unterzutauchen.
Ein Fisch! Jawohl, nun bin ich mir sicher.
Die hinterlistigen Zweibeiner wollen mich also tatsächlich von der Fischjagd abhalten. Ha, da haben sie aber nicht mit mir gewettet. Wer ungefragt Schneeglöckchen plattsitzt und Schmetterlinge fängt, lässt sich ein solch aufregendes Abenteuer ebenfalls nicht durch die Lappen gehen.

Kaum zu Ende gedacht, höre ich hinter mir ein empörtes Zischen. „Gsssch, Mimi! Runter da, aber sofort!“
Bevor die Zweibeiner sich auf mich Stürzen können, um ihre geliebten Fische zu verteidigen, mache ich die Fliege und hüpfe vom Fass herunter. Was heute nicht ist, kann ja morgen noch werden …

Eine passende Gelegenheit für einen erneuten Spielenachmittag mit dem Fisch ergibt sich schnell. Sobald die Zweibeiner zum Verwandtschaftsbesuch aufgebrochen sind, kann ich es mir ganz gemächlich wieder auf dem Fass gemütlich machen.
Kurz nachdem ich mich auf die Lauer gelegt habe, kann ich schon einen Blick auf mein Objekt der Begierde werfen. Doch Moment, da ist ja ein weiterer oranger Fleck. Und da hinten, da ist noch einer! Meine Herrschaften, vor mir offenbart sich ja das reinste Anglerparadies!

Mutig strecke ich aufs Neue meine Pfote ins Wasser und lasse sie ein wenig von den Fischen besabbern. Das ist auf Dauer aber erstens langweilig und zweitens eklig. Um dem Spielspaß etwas mehr Schwung zu verleihen, fange ich daher an, aufgeregt auf die Wasseroberfläche zu patschen. Um mich herum verteilen sich die nasskalten Wasserspritzer in meinem Fell, auf dem Boden und natürlich auf Helena, die sich aber wie üblich nicht aus ihrer stoischen Ruhe bringen lässt.
Wenig begeistert von diesem Spektakel verziehen sich meine glitschigen Freunde, sodass ich sogleich damit aufhöre, wie wild im Wasser zu planschen. Ich begnüge mich vorerst erneut mit einer vollgesabberten Pfote, bis ich urplötzlich die von Wasser und Fischspucke triefende Tatze durchs Wasser ziehe und ein besonders großes Exemplar hochkant vom Fass in die Freiheit befördere. Hui!
Laut klatschend landet der Fisch neben mir auf der Terrasse. Gerade als ich meinen Fang etwas näher betrachten möchte, öffnet sich die Haustüre und eine wild schnaubende Betty stürmt hinaus, direkt auf mich zu. Ich dachte, die Zweibeiner sind geschlossen beim Verwandtschaftsbesuch?!
Offenbar haben sie aber Betty, die mein Erfolgserlebnis beim Angeln scheinbar genauestens beobachtet hat, zuhause vergessen. Allerdings scheint sie über diesen Triumph nicht im Mindesten erfreut zu sein. Doch komischerweise hat sie es nun nicht direkt auf mich abgesehen, sondern steuert zielsicher auf meine Beute zu. Halt stopp, will sie den orangen Kerl etwa wieder ins Holzfass sperren? Dann hätte ich mir ja völlig umsonst die Pfoten „schmutzig“ gemacht!

Kurzentschlossen nehme ich den zappelnden Fisch an mich und transportiere ihn weg von Betty. Meine wutentbrannte Zweibeinerin lässt aber nicht so leicht locker und verfolgt mich samt Fisch. Schneller als Betty gucken kann, verschwinde ich im Dickicht der Hecke und entziehe mich so dem Blickfeld meiner hartnäckigen Verfolgerin.
Puh, geschafft. Ätsch.

Doch nun stehe ich bereits vor dem nächsten Problem: was passiert jetzt mit dem Fisch? Bäh, allein die kurze Transportzeit hat gereicht um mir zu beweisen, dass Fisch aus der Dose wesentlich besser schmeckt, als dieser fangfrische, triefende Kerl hier.
Nachdem ich eine Weile unentschlossen vor dem orangen Fleck gesessen bin, transportiere ich ihn vorsichtig raus aus dem Gebüsch. Von Betty ist glücklicherweise weit und breit keine Spur mehr zu sehen. Also schnell, schnell den Flossenmann in sein Ausflugsbecken verfrachten …

Als der Rest der Zweibeinerbande am Spätnachmittag wieder zurückkehrt, wundern die sich erst noch, was denn da Seltsames in der Vogeltränke neben der Hecke schwimmt. Die Verwunderung weicht jedoch schnell dem Entsetzen, als sie ihren geliebten Fisch wiedererkennen. Betty die alte Verrätern kann den Mund natürlich nicht halten und erzählt von meiner heutigen Angeljagd.
Ich werde abends zwar zunächst mit bösen Blicken und Nichtbeachtung bestraft, doch meinem Charme können sie trotzdem nicht sehr lange widerstehen. Und letztendlich sind meine lieben Herrschaften sogar stolz auf mich, dass ich dem Fisch ein Überleben ermöglicht hatte, indem er nach seiner Entlassung in die Freiheit ein paar Bahnen in der Vogeltränke schwimmen durfte.
Aber das würden sie natürlich nie zugeben.


Mehr zum FELIX E-Book und meiner Fisch-Geschichte beim nächsten Mal =)
Schnurrrr, eure Mimi

Kommentare:

  1. Liebe Mimi, liebe Betty,

    die Geschichte ist ja echt lustig. Ha. Ha.
    Ich war damals als der 1. Teil zu lesen war, schon gespannt wie die ganze Sache ausging.

    Liebe Grüße
    Clara

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  2. Liebe Mimi,
    ich hoffe, du hast dir gemerkt, dass der frische Fisch nicht gut schmeckt und es nicht wieder versucht.
    Es ist wunderbar zu lesen, wie locker und witzig du schreibst, ich habe das Gefühl, ich hätte dich selbst beobachtet.
    Liebe Grüße von TAC (und den beiden Fellnasen Felix und Ebony)

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  3. Liebe Mimi,
    das war ja eine spannende Geschichte die du erlebt hast. Einen Fisch hat hier noch niemand gefangen. Aber dir scheint er ja auch nicht geschmeckt zu haben. Du hast alles prima aufgeschrieben und wir hatten großen Spaß beim lesen.
    Liebe Grüße von Emma, Lotte, Rambo und Frauchen

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  4. Liebe Mimi,
    also ich muss zugeben ich habe schon ein wenig mit dem Fisch mitgelitten. Dasselbe hat vermutlich auch deine Betty getan. Natürlich können wir euch nicht lange böse sein, trotzdem wäre manches schöner wenn ihr es nicht tut was ihr ab und zu tut. ;-)
    Icvh glaube um die Fische vor dir sicher zu halten wäre ein Netz über das Fass gespannt sinnvoll. Oder was denkst du?
    Die Geschichte ist aber ganz toll erzählt...da ist man so richtig dabei.

    Grüessli dir und deienr Betty.
    Julia und Fiona

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  5. Lustig ! Wir gratulieren dir, dass dir gelungen ist, ein lebendes Fisch gefischt zu haben, und wir haben viel Spass gehabt, deine Abenteuer zu lesen. Schade, dass es dir nicht geschmeckt hat.... Schnurr

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  6. Wir konnten förmlich den Film vor uns ablaufen sehen :-D Voll spannend :-) Besonders als die Betty rausstampft :-D Katz sei Dank ist alles gut gegangen :-) Tolle Geschichte :-D
    Schnurrer Engel und Teufel

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  7. Wir haben auch Kopfkino und fragen uns, was die Piepsis wohl gedacht haben, wie sie so einen ängstlichen orangen Fisch in ihrem Drink schwimmen sahen *hehe*

    Mimi, das war wirklich wieder einer von deinen sehr spannenden Geschichten. Wir haben hier gesessen und nur mitgefiebert :)

    Stumper
    Felix,Shadow, Ernie und Monti

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Na, wer maunzt mit mir?